• Janos

Pretiosen: "Der Magen Wiens" oder Der Wiener Naschmarkt ist wie Janus

In dieser Rubrik erscheinen „(Alt-) Wiener Köstlichkeiten“: Feuilletons, Essays und Reportagen etc., die über das (kulinarische) Leben und den Alltag der damaligen Zeit erzählen: Fundstücke aus alten Zeitungen und Büchern. In der nachfolgenden Reportage erfahren Sie über das (Geschäfts-) Leben am Wiener Naschmarkt im Jahr 1931.


Die Ode des Magens von Wien ist noch nicht gedichtet worden. Es hat sich noch kein Ovid gefunden, der die gigantischen Mengen von Obst, Gemüse und Fleisch beschrieben hätte, die alltäglich im Magen Wiens verschwinden. Einige Zahlen aus der Statistik eines einzigen Tages des Wiener Naschmarktes, aufs Geratewohl herausgegriffen, geben beiläufig einen Begriff, was das hungrige Wien verzehrt. Aus der nächsten Umgebung Wiens haben 315 Gärtner 160.000 Kilo Gemüse, 150 Wurzelgärtner 12.00 Kilo Grünzeug, 62 Landparteien 125.000 Kilo Kartoffel auf den Markt gebracht. Vier Spinatfuhren mit 2.800 Kilo und fünf gemischte Fuhren mit 6.000 Kilo Feingemüse sind so nebenbei geliefert worden. 500 Landparteien haben 15.000 Kilo Obst geschickt, was die grüne Steiermark mit 24.000 Kilo ergänzt hat.


Dann kommt das Ausland mit ungeheuren Quantitäten von Obst und Feingemüsen. So liefert zum Beispiel Italien unter anderem 10.000 Kilo Orangen und 1.350 Steigen Karfiol, Spanien 30.000 Kilo Orangen und Frankreich 150 Steigen Häuptelsalat und 120 Steigen Spargel. Aber, wenn sich noch kein Dichter des Magens von Wien gefunden hat, so fehlt auch der Historiker des Naschmarkts. Und es wäre gewiss ein interessantes Stück Geschichte Alt-Wiens, das sich da schreiben ließe. Der Naschmarkt – ursprünglich Naschenmarkt, ist viele hundert Jahre alt. Schon ein altes kaiserliches Patent um 1800 erlaubt „denen Weybern, so sie vom Land kommen, beym Freyhaus allerley feilzubieten, allenfalls solche (die) sich den Gesetzen, Vorschriften und Befehlen einer hohen Obrigkeit fügen …“


Man sieht also: vor mehr als 100 Jahren [Anm.: im Jahr 1831], gab es schon eine Art Marktpolizei. Wer den Naschmarkt näher kennenlernen will, darf kein Langschläfer sein. Er darf eigentlich überhaupt nicht schlafengehen. Denn um neun Uhr abends beginnt der Betrieb. Da kommen in ihren Wagen die „Landparteien“, wie die Landleute amtlich heißen, und beginnen mit dem Auspacken der Ware, die der Grossist so um vier Uhr früh herum einkauft.


Denn die Nacht gehört dem Grossisten. Der Naschmarkt ist nämlich wie Janus – er hat ein doppeltes Gesicht: Eines für den Großkäufer und eines für den kleinen Mann, dem der Naschmarkt tagsüber zu Diensten ist. Der Naschmarkt hat sich sozusagen „nationalisiert“, lange bevor dieses Wort von Amerika über Berlin nach Wien gekommen ist. Von zwei Uhr nachts angefangen werden hier „Schlüsse getätigt“, werden Waggons, Fuhren, Kisten und Steigen gehandelt. Aber um sechs Uhr früh tritt das gesprochene Wort in sein Recht: „Gnä’ Frau kaufen S’ a Kilo schöne Kipfler! Und an ganz frischen Häuptelsalat ham mir a!“ Die Poesie der „Frau Sopherl vom Naschmarkt“ blüht heute, wie ehemals. Sie erinnert noch immer an das alte Wien, mit seiner Gemütlichkeit, mit seiner Backhendlperiode und dem unsterblichen Fiaker. Hier auf dem Naschmarkt ist das alte Wort noch wahr: „Die Wiener Gemütlichkeit stirbt nicht aus …“



Anmerkung der „Textschürferin“: Tja, wollen wir’s hoffen! Es lebe die typische Wiener Gemütlichkeit! Lilian, deren Nachname (noch) nicht sicher bekannt ist, weswegen er hier noch verschwiegen wird, war Redakteurin der Frauenzeitschrift „Das Wort der Frau“, die von 1931 bis 1933 in Wien herausgegeben worden ist. Lilian hat zahlreiche (Sozial-)Reportagen und Essays verfasst – aus der damaligen Zeit, aber auch aus jener Zeit, die bereits Lilian als das „Alte Wien“ bezeichnete. Die


Reportage „Der Magen Wiens“ erschien am 3. Mai 1931.


Text: Lilian; aufgeLesen und zubereitet von Traude Korosa

Fotocredit: Anno


STAY HUNGRY FOR KNOWLEDGE

  • Instagram

© 2020 by Christine Schäffer *** Impressum

0660 4905561