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Cover-Artist: Danling Xiao

Janos fand Danling Xiaos Obst-und- Gemüse-Kunst im Internet, und das Redaktionsteam war vom ersten Blick fasziniert. Mit der Zeit wurde uns immer klarer, wie hervorragend ihre Fotos und ihr Mindset zu Janos passen. Deshalb wurde Danling Xiao als erste Cover-Künstlerin auserwählt. Im Laufe des E-Mail-Austauschs konnte Christine Schäffer einige brennende Fragen stellen.


Über die Künstlerin

Danling Xiao zog mit 18 Jahren aus der chinesischen Provinz Guangdong nach Australien. Dort studierte sie bis 2008 Design und begann in diesem Bereich zu arbeiten – und mehr zu arbeiten und noch mehr zu arbeiten. Bis sie 2015 eine Auszeit nehmen musste. Danling wollte sich wieder bewusst werden, welche Dinge sie mit Leidenschaft erfüllen. Auf der Suche nach neuem Sinn, verbrachte sie nun ihre Tage mit Lesen, Freunden und einem außergewöhnlichen Zeitvertreib: Bevor sie es aß, machte sie kleine Kunstwerke aus ihrem Obst und Gemüse.




Das tat Danling schon seit 2013 bei jeder Mahlzeit. Der Unterschied war nun, dass sie die Fotos nicht nur engen Freunden schickte, sondern auch auf Instagram hochlud – und innerhalb weniger Monate explodierte ihr Bekanntheitsgrad. Sie gab Interviews, leitete Workshops und konnte ihre Werke in New York, Sydney und Paris ausstellen. Heute findet man Danlings Arbeiten bei der von ihr gegründeten Kollaborative Mundane Matters (ein Wortspiel, in dem das Alltägliche und dessen Wichtigkeit hervorgehoben wird). Sie arbeitet immer noch als Designerin, allerdings völlig entschleunigt. Sie konzentriert sich darauf, Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, NGOs zu unterstützen und Menschen auf drängende Themen wie Wasserknappheit und Plastikverschmutzung aufmerksam zu machen.


INTERVIEW

Sie haben 2013 mit Ihren Kunstwerken begonnen – wie kam es dazu?

Essen war das zugänglichste und billigste Material, das ich bekommen konnte. Ich kaufe Gemüse und Obst, mache etwas damit und esse es danach – was könnte billiger sein? Wenn es um den kreativen Akt geht, denke ich immer zuerst darüber nach, welche Materialien und Methoden am einfachsten und am besten geeignet sind. Das macht es mir sofort viel leichter, mich nur auf Kreativität zu konzentrieren. In gewisser Weise war das Essen auch der Natur am nächsten. Ich habe immer in der Stadt gelebt. Obwohl sich mein Geist nach Natur sehnt, bin ich nicht der Typ, der in einem Wald oder auf einem Bauernhof leben könnte! Indem ich die Produkte berührte und wertschätzte, gab es mir ein Gefühl von Frieden und Verbundenheit mit der Natur. Das Gemüse zuzubereiten wurde zu meiner Meditationspraxis. Es geht also gar nicht wirklich um Food Art. Es war nur eine einfache kreative Übung, die von vielen Menschen geschätzt wurde. Ich bin dafür dankbar und es macht mir nichts aus, wenn man es mit Food Art bezeichnet. Ich mache einfach weiter das, was ich liebe – und das reicht mir.


Das besondere an Ihren Werken ist nicht nur die Aufmerksamkeit für kleinste Details, sondern die Message, die mittransportiert wird. Das Cover-Bild entstand im Zuge Ihres Protests gegen die Rodung alter Baumriesen in Sydney – vier Jahre ist es her, dass dutzende Bäume einem Stadtbahnprojekt weichen mussten.

Das ist richtig. Ich war sehr emotional, als ich auf dem Weg zum Protest mit meinem Fahrrad an allen Bäumen vorbeifuhr. Sogar jetzt, wo ich darüber nachdenke, habe ich Tränen in den Augen.


Leider wichen die Bäume trotz Protesten der Stadtbahn. Aber die Stadtbahn ist meiner Meinung nach an und für sich eine gute Initiative. Sie trägt dazu bei, die Anzahl der Autos auf der Straße zu verringern. Wenn ich jetzt älter werde, scheint die Zweiteilung in allem in unserer Gesellschaft immer deutlicher zu werden. Ich frage mich, warum, was auch immer wir tun, etwas geopfert werden muss. Warum hat etwas Gutes immer eine negative Seite?! Ich bin gespannt, was wir in den nächsten 50 Jahren machen werden.


Wird unsere Welt ökologisch besser werden? Werden wir bessere Lösungen für den Klimawandel finden, für die weder arme Menschen, Tiere noch das gesamte Ökosystem geopfert werden? Und was würde passieren, wenn wir einfach wie gewohnt weitermachen? Ich sollte mehr Bäume pflanzen. Ich habe schon viele Pflanzen in meinem Garten, sie wachsen einfach aus meinem Kompost. Es gibt einen 6 Meter hohen Papaya-Baum, der nur aus den Papayasamen meines Frühstücks gewachsen ist.



Was war eine der fruchtbarsten Zusammenarbeiten seitdem Ihre Bilder viral gingen?

Die Zusammenarbeit mit der Designerin und Künstlerin Liane Rossler. Mit ihr veranstaltete ich Workshops, um Erwachsene und Kinder zum kreativen Umgang mit Obst und Gemüse zu inspirieren. Durch Liane verstand ich, dass mit Kreativität jeder etwas bewirken kann. Zu diesem Zeitpunkt begann ich, die Botschaft von pflanzlicher Ernährung, Low-Carbon und Zero-Waste in die Skulpturen zu integrieren. Ich hatte das Glück, meine Arbeiten in New York, Sydney und Paris auszustellen und Reden auf Sydneys zukunftsorientierten Design-Festivals und Veranstaltungen zu halten.


Eines der besten Dinge beim Erstellen neuer Projekte ist, dass es mir oft großartige Möglichkeiten bietet, mit anderen Talenten in Kontakt zu treten, die dieselben Werte wie ich teilen. Mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, um das Wohl der Allgemeinheit zu erreichen, ist die befriedigendste Sache an der Arbeit. Ich mache immer noch viele Projekte alleine, da es auf diese Weise effizienter ist, aber ich sehe das auch als eine Zusammenarbeit zwischen mir und meinen Kunden und deren Publikum. Wir erschaffen gemeinsam die Welt.


Mundane Matters arbeitet mit NGOs, bekannten Marken und lokalen Regierungsstellen zusammen. Auf welche Kooperationen sind Sie besonders stolz?

Ich arbeite viel mit dem Stadtrat von Sydney zusammen. Ich habe dort einige Jahre als leitende Grafikdesignerin gearbeitet. Dort habe ich gelernt, dass ich mein Talent für meine Community einsetzen und Menschen helfen kann. Seit September 2019 – als Australiens Dammwerte täglich sanken – arbeite ich mit Sydney Water zusammen, um durch Instagram das Bewusstsein für das Sparen von Wasser zu schärfen. Von Juni 2019 bis vor einigen Wochen vor dem Regen sanken die Staudammwerte von rund 70 Prozent auf 41,8 Prozent. Viele Orte litten an Dürre. Das trockene Wetter hat auch zu den monatelangen Buschbränden beigetragen.


Ich machte mir große Sorgen, dass ich eines Tages kein frisches Wasser zum Trinken haben könnte, wenn die Situation anhält – tatsächlich gab es außerhalb von Sydney Bereiche, in denen das Wasser vollständig abgeschnitten war oder schmutziges Wasser wegen der verbrannten Asche aus dem Wasserhahn kam. Stadtmenschen wie ich sind zu privilegiert. Man kann nicht einfach ein scheinbar freies Leben führen, das voller unbegrenzter Ressourcen ist. Ich trage meinen Teil zum Wassersparen bei und war sehr dankbar, dass ich mit meiner Kreativität eine größere Wirkung erzielen konnte. Unsere Dämme sind jetzt auf 82 Prozent! Aber wir arbeiten immer noch daran, Wassersparen zur Gewohnheit zu machen.


2016 haben Sie in einem Interview erwähnt, dass Sie am liebsten mit Orangen arbeiten – ist das immer noch der Fall?

Ja, das stimmt. In der Designschule haben wir gelernt, dass der Punkt das kleinste Element ist, aus dem alles in verschiedene Formen, die unterschiedliche Geschichten erzählen, wachsen kann. Es kommt nur auf die eigene Vorstellungskraft an. Als ich begann, diese Obst- und Gemüseskulpturen zu machen, erinnerte mich eine Orange an die Einfachheit, die ich zu Beginn meiner Designreise gelernt hatte. Ich erkundete eine kleine Ideensammlung zum Thema Liebe mit der Orange.



Ihre Kunstinstallation „Wasteland“ erinnert ebenfalls an Orangen.

Stimmt! „Wasteland“ ist eine 24 Meter hohe Installation mit etwa 2.500 Objekten, die Orangen ähneln. Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über 12.000 Tonnen Orangenschalen, die in den 1990er Jahren in einem Ödland in Costa Rico abgeladen wurden. Im Laufe der Zeit und ohne menschliche Unterbrechung ließ der Nährwert der Orangenschalen das Ödland zu einem üppigen Wald werden. So mächtig ist die Natur. Diese Geschichte stieß den Gedanken zu „Wasteland“ an. Gleichzeitig wollte ich mich selbst herausfordern und ein eindringlicheres, kraftvolleres Erlebnis schaffen, als mit den Instagram-Fotos.


Die orangefarbenen Kugeln in „Wasteland“ wurden deshalb aus Meeresmüll hergestellt, der im Great Barrier Reef gesammelt wurde. Dadurch wollte ich das Bewusstsein für Plastikmüll und Kreislaufwirtschaft schärfen. Der gesamte Prozess – von der Beschaffung der Meeresschuttstücke, die von Eco- Barge gesammelt wurden, bis zum Sortieren, Recycling und Installieren im Sydney Customs House – hat mir gezeigt, wie viel Arbeit für Recycling erforderlich ist. Ich bin stolz darauf, dass der gesamte Prozess in Sydney von etwa 20 Freiwilligen und zehn lokalen Unternehmen durchgeführt wurde. Ich habe drei Jahre gebraucht, um „Wasteland“ zu finanzieren. Als ich schließlich die fertige Installation im Sydney Customs House in die Höhe zog, hatte ich schon wieder neue Ideen: Wie kann ich eine kommerzielle Lösung finden, um Plastikmüll zu bekämpfen und den CO2- Fußabdruck für normale Menschen wie mich zu verringern?


Interview von Christine Schäffer

Fotocopyright: Danling Xiao




Instagram: www.instagram.com/mundane_matters

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